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Donnerstag, 11. Januar 2018

Der letzte Diagnostiktermin mit der Pädagogin

Hallo ihr Lieben,

lange war es still hier. Wir hatten eine stürmische Phase, da möchte man abends lieber schlafen, statt schreiben :-)

Aber ihr sollt ja weiter auf dem Laufenden bleiben, also wird jetzt mal nicht gepennt, sondern geklotzt.

Wir hatten vor zwei Tagen unseren letzten Diagnostiktermin mit unserer SozPädi. Sie hat wenig mit Clemens gearbeitet, sondern ist mit mir noch einen weiteren Bogen durchgegangen. Mal wieder wurde mir das Herz schwer, weil ich merkte, wie sehr er sich in so vielem unterscheidet, so vieles so anders macht, so vieles gar nicht macht oder nicht kann.
Er spricht nicht, wie andere knapp Dreijährige es tun, er spielt nicht, wie die anderen. Sein Schmerzepfinden ist entweder gar nicht vorhanden oder so extrem, dass man glaubt, er verbrennt bei lebendigem Laib. Mimik und Gestik versteht er nicht wirklich. Nutzt selbst höchstens den "bösen Blick". Natürlich ist das mehr, als andere Autisten tun. Aber es ist immer noch nicht das, was alle anderen Menschen tun.

Während der ganzen Zeit, spielte Clemens. Und wie er spielte, ich habe ihn so noch nie erlebt. Er hat immer wieder Kontakt zu Frau J. aufgenommen, zeigte ihr die Spielsachen und hat sie sogar benannt. Er hat ihr sogar einen Ball zugeworfen! Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie stolz mich das gemacht hat. Ich möchte beim Schreiben schon wieder heulen, weil es so toll war. Für einen Moment so unbeschwert. Für einen Moment so "normal".

Nach einer knappen halben Stunde waren wir fertig und sind wieder nach Hause gedüst.
Wir waren ja nun gute drei Wochen nicht in Mainz und man hat gemerkt, wie ihn die Stadt, die Menschen, die Autos, die Geräusche und der Fahrstuhl gestresst haben. Mehr als bei den letzten beiden Terminen im letzten Jahr. Und wieder ist mir bewusst geworden , wie unglaublich wichtig es für ihn ist, Dinge regelmäßig zu tun, um nicht in Stress zu geraten.

Ein kurzer Bericht, ich weiß.
Aber die Tage kommt ein etwas längerer Beitrag. So viel sei verraten: ich habe eine Mama kennengelernt, deren Sohn auch Autist ist.

Bis bald
Eure Stina

Mittwoch, 3. Januar 2018

Und dann gibt es da diese Tage...

... an denen man alles einfach hinschmeißen möchte. Sich am liebsten im Bett verkriechen und die Decke über den Kopf ziehen möchte. Nichts hören und nichts sehen will.

Anscheinend haben meine Kinder ihre innere "Ich-spinne-rum"-Uhr synchronisiert.
Die Babyschwester lässt uns seit einer guten Woche keine Nacht mehr schlafen, ist extrem anhänglich und möchte so gar nichts alleine machen.
Und dann haut mein kleiner Autist auch noch voll auf die Kacke.
Immer, wenn er neue Wörter lernt, oder ein Fortschritt in einem anderen Bereich zu erkennen ist, flippt er völlig aus. In den Tagen davor spricht er unglaublich viel in seiner eigenen Sprache. Da sind wir dann immer schon vorgewarnt. "Er kauderwelscht wieder.", "OK, dann schauen wir mal, wann die Wutwolke los bricht."
In der Regel dauert der Vorlauf drei bis vier Tage. Es kommt aus ihm raus, wie ein Wasserfall, aber keiner versteht irgendetwas. Spätestens an Tag fünf spricht er wieder deutlicher und hat einige neue Wörter in seinen aktiven Wortschatz aufgenommen. Leider leiden einige andere, ältere Wörter dafür dann. Aber so sei es.
An Tag sechs geht es dann los, dass er extrem unruhig wird, für nichts still sitzen bleiben kann. Er alles anfängt, ihn aber nichts zufrieden stellt. Er hat in diesen Phasen keinerlei Geduld für irgendetwas. Fängt sofort in einer extremen Lautstärke mit einem ganz furchtbaren, schrillen Ton an zu jammern, springt dabei schon rum oder haut etwas auf den Tisch. Nur um bei Nichtbeachtung bzw. bei einem zu langsamen Beachten völlig zu eskalieren. Er wirft Dinge durch die Gegend, haut oder tritt uns, an schlimmen Tagen kommt noch das beißen dazu. Seine Lautstärke und dieser schrille Ton verdreifachen sich, er beginnt extrem zu schwitzen.
So läuft es nun schon die letzten beiden Tage mit ihm.
Man merkt, wie ihm die Welt durch den Kopf schießt. An diesen extremen Tagen schaltet er ganz oft ab. Mal für ein paar Sekunden, mal für Minuten. Nur um danach zu explodieren. Aus dem Nichts, einfach so.
Diese extrem fordernde Tage in Kombination mit durchgemachten Nächten sind der ideale Cocktail für Streit und Anschreien vom feinsten. Und es kotzt mich an! Ich kotzte mich an!
Diese Ungeduld, diese Machtlosigkeit, keine Kontrolle über nichts zu haben, dieses Nicht-Verstehen des eigenen Kindes, funktionieren zu müssen, obwohl man eine Pause bräuchte, die man sich aber definitiv nicht leisten kann, denn gerade an solchen schlimmen Tagen braucht er uns ja besonders.
Ja, manchmal möchte man auf "Stopp" drücken, eine Pause haben. Energie tanken, um wieder geduldig sein zu können, um seine Welt besser verstehen zu können. Um nicht in hässliche Muster zu verfallen.
Übrigens flippt er im Kindergarten nicht aus. Es ist so, als ob es erst los rollt, wenn er in seiner sicheren Umgebung ist. Was ja eigentlich ein recht guter Umstand ist.
Aber eben ein kräftezehrender Umstand.

So, genug gejammert ;-)

Bis bald
Eure Stina

Montag, 1. Januar 2018

Papa...?!

Hallo an alle.
Vorab:
Ich und meine Frau (...jaaaa....es schreibt der Mann) wünschen euch allen ein frohes neues Jahr.
Hoffentlich seid Ihr alle gut reingerutscht.

Ja...

Papa?!...spontan fiel mir nix besseres ein. Im Großen und Ganzen möchte ich hier jetzt eigentlich auch nur mal meine Sicht der Dinge auf die "Störung" unsres Sohnes erläutern.
Euch aber auch einen Einblick in unsere Vater-Sohn Beziehung geben.
Die, sicher, eine andere ist wie die zwischen Ihm und seiner Mutter (das ist ja soweit normal und nix ungewöhnliches), die aber vor allem eine besonders intensive Vater-Sohn Beziehung ist...sicher intensiver als manch andere Vater-Sohn Beziehung.

26.02.2015....17 Tage vorher wurde unser Haus aufgestellt...was macht man?....wo ist man?....Einzug Ende Juni??...richtig...nicht bei einem 5Tage altem Säugling...sondern man pendelt zwischen Rohbau...der Arbeit und dem eigenen Bett...in das man Abends um elf Uhr reinfällt...aus dem man Morgens noch vor 05:00 rausfällt um auf die Arbeit zu fahren.
Was also bleibt von einer Vater-Sohn Beziehung in den ersten Wochen? Generell ist der Vater ja in den ersten Wochen zweitrangig, vor allem wenn das Kind gestillt wird. Statt Windeln und Flaschen...hantierte ich mit Rigipsplatten und Fliesenkleber.
Woher also ein angeblich intensivere Vater-Sohn Beziehung?

Es war geschätzt 4 Wochen nach unserem Einzug. Da gab es den ersten Aufschwung in unserer Beziehung. Und zwar als meine Frau unter der Dusche (UNERHÖHRT ,,,  was erlaubt die sich..) war und unser Sohn wach wurde...also ab in sein Zimmer, den kleinen Mensch geschultert und auf den Ball. In der Hoffnung er schläft wieder ein...die Male davor...war es die reinste Folter...für ihn wie für mich....doch plötzlich...war der kleine Mensch still...er schrie nicht. Er wehrte sich nicht. Er SCHLIEF. Das erste Mal das er in meinen Armen eingeschlafen ist. Ein unbeschreibliches Gefühl.
Von da ging es eigentlich konstant aufwärts...Ich begann Ihn, als er knapp ein Jahr alt war, ohne Bewegung zum schlafen zu bringen. Es klappte besser als erwartet.

Aber wann wurde die Beziehung so wie sie heute ist...wann wurde ich zu seinem Leuchtturm? - Ich werden später erklären warum ich mich als seinen Leuchtturm betrachte. Aber erst seit wir von seinem Autismus wissen.

Meine Frau wird jetzt die Augen verdrehen aber ich muss etwas ausholen...

Meiner, unsrer Auffassung nach muss ein Kind nicht schreiend in seinem Bett liegen. Wenn es schreit braucht es etwas. Und wenn es "nur" Nähe ist (Wobei selbst das für manche schon zu viel verlangt ist). Und genau das war bei unserm Sohn von seiner ersten Sekunde an der Fall. Nichts braucht er mehr als körperliche Nähe...nichts mehr als diese Sicherheit...nichts mehr als einen "Kurs".
Diese Sicherheit fand er mehr und mehr bei mir ab dieser Zeit da meine Frau mit unserer Tochter schwanger war und ich fand es sei meine Pflicht auch nachts für Ihn zu sorgen. Er ging ja noch nicht in den Kindergarten. Wann also sollte meine Frau Energie tanken wenn nicht Nachts. Also wiegte ich ihn wieder in den Schlaf...Ich ließ ihn in meinen Armen schlafen wenn er es gebraucht hat. Egal ob Wochenende oder nicht...egal welche Uhrzeit und wie lange es gedauert hat dass er wieder schlief. Ich wollte da sein und war da.

Um das aber von vornerein klar zu stellen. Ich will mich nicht als Held darstellen oder mich bewusst hervorheben oder mich gar wichtiger machen als es meine Frau für Ihn war. Ich möchte nur dass ihr besser verstehen könnt wieso unsere Beziehung so ist wie sie ist.

Jedenfalls...er ist seit dieser Zeit ein Papa Kind. Und logischerweise wurde das nicht anders als unsere Tochter dann auf der Welt war. Denn meine Frau kann sich ja schlecht teilen. Wenn ich zuhause war, war ich sein. Voll und ganz. Da hatte auch unsere Tochter leider kein Platz bei mir.
Was diesen Effekt verstärkte waren meine Fehler aus der Vergangenheit. Da bin ich - um Geschrei aus dem Weg zu gehen- heimlich weg. Ohne mich zu verabschieden. Dies muss zu uuuuunglaublichen Verlustängsten bei ihm geführt haben. Er dreht sich um, ich war weg. "Wo ist meine Sicherheit hin?...kommt er wieder? ...hab ich was falsch gemacht?...Wie geht's weiter wenn er nicht zurückkommt?...Wie ist mein Kurs?" Alle diese Fragen schossen ihm unkontrolliert durch den Kopf....PANIK.
Er wollte und brauchte nur mich (augenscheinlich)...ganz für sich...NUR FÜR SICH...
"WIESO GEHT PAPA SICH WAS ZU TRINKEN HOLEN....ER KOMMT BESTIMMT NICHT WIEDER VOM KLO ZURÜCK....PAPA DREH DICH NICHT UM !!!"
Diese Panik war sicher nicht hausgemacht...es war aber durch Unwissenheit meinerseits verschlimmert worden. (Seitdem melde ich mich zu Klogang ab. Das mag lächerlich klingen...aber es hilft ihm zu verstehen. Und mal ehrlich...was soll´s?)
Ich war also seine Bezugsperson. Alles was ich tat legte er förmlich auf seine ganz eigene Goldwaage.

Und jetzt kommt dieser Autismus ins Spiel...aber was ist das? Was macht das mit Ihm? Was bedeutet das?
Ihm fehlt sein Ordner...sein Regisseur...sein Gedankenkompass. Sein Leuchtturm der ihm seinen Kurs. Nun kann ich sicher nicht Sein Regisseur sein...bestimmt nicht Sein Kompass.
Aber ich denke sehr wohl sein Leuchtturm. Ein Leuchtturm ist der Orientierungspunkt...er gibt Sicherheit...er sollte helfen den Weg, den Kurs beizubehalten, er sollte vor allem helfen sich selbst wieder zu finden.
Nicht weniger will ich für meinen Sohn sein. Nicht weniger MUSS ich für meinen Sohn. Ich denke von keinem anderen erwartet Er es mehr als von mir.
Er braucht Verständnis. Er braucht Geduld. Von seiner Mama. Von mir.

Das alles wird er bekommen. Mehr noch als heute. Denn er ist perfekt. Er ist mein Sohn. Er hat es verdient denn ich bin unendlich stolz auf Ihn. Er ist Autist.

Bis bald
Euer Sebastian

Samstag, 30. Dezember 2017

Würdet ihr euer Kind ändern?

Halli Hallo :-)

Heute möchte ich gerne meine Gedanken zu eben jener Fragestellung mitteilen.

Wir wurden es glücklicherweise nicht allzu oft gefragt, drei, vier Mal. Aber ich denke, das ist oft genug, um sich mal Gedanken darüber zu machen. Bzw. vielleicht auch mal die Gedanken anderer anzuregen, was das eigentlich bedeutet, sein Kind zu ändern.

Das erste Mal stolperten wir in einem vermeintlich normalen Gespräch darüber, ganz beiläufig sagte die Person: "Tja, wenn man könnte, würde man das natürlich ändern."
Moment, what?
Ich war so perplex, weil sich das für mich einfach falsch anhörte. Ich konnte aber nicht genau sagen, was da gerade schief lief.
In den folgenden Tagen machte mich der Satz irgendwie wütend, aber so richtig zum Nachdenken kam ich nicht.
Bei einem Spaziergang im Ort dann wieder so eine ähnliche Aussage: "Wenn man könnte, würde man es vermutlich ändern, oder?" ... Sorry, aber ich verstehe deine Frage nicht. Wieder ärgerte ich mich immens.
Ich meine, was will man da ändern? Natürlich wünscht sich niemand ein Handicap für sein Kind. Aber mal ehrlich, überlegt doch mal, was würde es genau bedeuten dieses Kind zu ändern?
Würde ich mir den Autismus wegwünschen? Nein, denn ich würde mir ja damit mein Kind wegwünschen. Seine Persönlichkeit, unser Clemens, so wie er ist, würde ohne den Autismus ja überhaupt nicht existieren. All seine Freude, seine Trauer, seine Wut, sein Lachen, seine Art Musik zu hören, sein exzessives Lesen, seine Anflüge von Umarmungen und Kuscheleinheiten, all das ist er. All das macht uns stolz und glücklich. All das ist natürlich auch Arbeit. Aber all das ist er!
Vermutlich wäre ohne seinen Autismus einiges leichter, aber wenn das bedeutet, dass er anders wäre und nicht so, wie er jetzt ist, möchte ich es nicht anders haben!
Im Anthroposophischen sagt man, dass das Kind sich die Eltern aussucht. Er hat sich uns ausgesucht, weil er wusste, dass wir die richtigen Eltern für ihn sind, dass wir es schaffen ihn groß zuziehen, dass wir ihn bedingungslos lieben werden.
Ich würde ihn mir nie anders wünschen. Aber ich wünsche mir, dass die Welt aufhört auf die Kinder und Menschen zu zeigen, die nicht dieser (abstrusen) gesellschaftlichen Norm entsprechen, dass die Welt aufhört mitleidig und bevormundend zu sein, dass die Welt aufhört ausgrenzend zu sein. Ich wünsche mir keine Veränderung meines Kindes, ich wünsche mir eine Veränderung des gesellschaftlichen Denkens!



Bis im neuen Jahr
Eure Stina
PS.: Rutscht nicht zu arg ;-)

Donnerstag, 28. Dezember 2017

Und wie ist es für euch so?

Seit wir Clemens' Autismusspektrumstörung öffentlich gemacht haben, begegnet uns diese Frage immer mal wieder.
Eine gute Frage. Zumal sie uns fast schon dazu zwingt, uns nicht nur mit dem Autismusspektrum allgemein zu befassen und mit den "Folgen" für unseren Sohn, sondern uns auch bewusst zu werden, wie wir dazu stehen, damit umgehen und was es mit uns macht.

Wie ist es für uns also?
In erster Linie ist es gerade verwirrend. Der Input ist enorm, die Gedanken und Sorgen schießen in alle Richtungen. Von Himmelhochjauchzend zu Tode betrübt - alles ist dabei.
Wir sehen so vieles klarer, so vieles macht jetzt einfach Sinn. Das macht natürlich einige Situationen im Alltag leichter. Man explodiert nicht mehr so oft, weil man einfach mehr Verständnis aufbringen kann. Bei vielen Dingen versuchen wir nun, selbst den Zauber zu sehen, den Clemens in den Dingen erkennt. Uns öffnet sich wirklich eine neue Welt. Sie scheint spannender, bunter, abenteuerlicher.

Aber dann gibt es noch die Kehrseite.
Vieles ist auch schwieriger geworden.
Der riesen Berg an Untersuchungen, Formularen, Anträgen, der uns nun erwartet. Ich sehe ihn und weiß nicht, was mich da genau erwartet, wo sind wir am besten aufgehoben für weitere Untersuchungen, wo setzte ich am besten an, was hat die höchste Priorität, welcher Antrag kann auch noch warten?
Am schlimmsten sind die Zukunftsängste, die wir nun haben. Natürlich macht man sich als Eltern immer Gedanken und will das Beste für sein Kind. Aber als Eltern von einem "normalen" Kind macht man sich Gedanken, ob die Kinder mal studieren wollen, oder ob sie die Finger von Drogen lassen. Als Eltern von einem Kind mit einem besonderen Extra macht man sich ganz andere Gedanken. Wird das Kind weiterhin im Regelbetrieb eines Kindergartens oder einer Schule teilhaben können, oder muss man doch umsatteln, wie wird seine berufliche Zukunft dann aussehen? Kann er sein Leben irgendwann einmal (weitestgehend) alleine bestreiten, oder wird er immer auf Hilfe angewiesen sein? Und wenn er lebenslange Hilfe braucht, wird er diese Hilfe in der Familie finden, oder muss er womöglich in eine Einrichtung?  Wie wird die Umwelt mit ihm umgehen? Wird es ihm erspart bleiben, dass andere Kinder ihn als dankbares Opfer sehen und ihn  hänseln oder übergriffig werden? Muss ich seine Sachen eines Tages aus der Schultoilette fischen oder ihn aus einer Mülltonne rausholen? Wird er irgendwann ein mal im Kindergarten oder der Schule einen Shutdown erleben? Wird er von den Menschen weiterhin normal behandelt, oder wird er nun gemieden und ausgegrenzt? 
Autismus ist dynamisch, wird es für ihn weiterhin positiv laufen, oder erleben wir Rückschläge, die extremer sind, als das, was wir uns jemals ausgemalt haben?
Und was heißt das alles für unser Sozialleben? Werden wir nun gemieden?
Ja, es geht nicht nur um unser Kind, es geht auch um uns. Darum, wie wir nun unser Leben gestalten, welchen Rückhalt wir erfahren, welche Möglichkeiten zum Austausch es für uns gibt. Und vor allem, welche Möglichkeiten sind vorhanden, um  einfach auch weiterhin Stina und Sebastian zu sein und nicht nur die Eltern eines gehandicapten Kindes. (Übrigens ergibt sich hieraus ebenfalls eine Fragestellung, die uns öfter begegnete in den letzten Tagen: Würdet ihr euer Kind ändern, wenn ihr könntet? Dazu werde ich einen eigenen Post verfassen, da ich finde, dass es eine enorm wichtige Frage ist, die viel Platz für Gedanken braucht.)

Wir müssen lernen den Dingen ihren Lauf zu lassen, mehr als je zuvor. All die Sorgen und Ängste sind schlicht und ergreifend Zukunftsmusik. Niemand weiß, wie er sich weiter entwickeln wird. Und egal wie, wir müssen es so nehmen, wie es kommt.

Fazit: ja, es ist anstrengend und nicht leicht für uns. Das Gedankencarousell  dreht sich. Aber es ist leichter, als vorher, da wir nun etwas Greifbares in der Hand haben. Das Kind hat einen Namen bekommen.
Es wird sicherlich noch einige Zeit dauern, bis sich wirklich alles gesetzt hat und wir mit der Diagnose in der Tasche richtig durchstarten werden. Aber jeder Tag bringt uns diesem ganzen etwas näher.
Und das Wichtigste: Er hat zwar ein Handicap, aber er leidet nicht an einer tödlichen Krankheit!

Bis bald
Eure Stina

Dienstag, 26. Dezember 2017

Die Diagnosebögen

Hallo ihr Lieben,

heute möchte ich ein wenig über die Diagnosebögen berichten.

Ich bekam zwei verschiedene Bögen, einen sehr umfangreichen, allgemeinen Beurteilungsbogen und den DISYPS III FBB ASKS, ein Bogen speziell um eine Störung im Autismusspektrum zu diagnostizieren. Außerdem bekam ich von beiden Bögen noch ein Exemplar für die Erzieherinnen der KiTa.

In dem allgemeinen Verhaltensbogen wurden Aspekte aus so ziemlich allen Lebensbereichen abgefragt:

Motorik: z.B. auf/zudrehen, klettern, springen, laufen
Sprache: spricht er viel/wenig, Wortschatz, 2/3Wortsätze
Sozialverhalten / Aggressivität: spielt er mit anderen, sucht er Kontakt, ist er wütend, flippt er aus
Sauberkeitsverhalten: wurde schon mit Toilettentraining begonnen, wie lief es, klappt das ganze gut
Spielverhalten: spielt er mit anderen, spielt er alleine, spielt er Rollenspiele, puzzeln, konstruieren
Vorlieben: hat er Hobbies, wie intensiv geht er Dingen nach
Essverhalten: isst er viel/wenig, gibt es Probleme beim Schlucken oder Kauen, ist ein Sättigungsgefühl vorhanden


Die Aussagen im Bogen entsprachen fast exakt den Stärken und Schwächen, die ich während der aktiven Testung bei den Terminen in der Praxis beobachten konnte.
Die Antwortmöglichkeiten zu den Aussagen und Fragen waren in einer Intensitätsabstufung gehalten, sprich: oft/nie, mehrmals in der Woche/nie, sehr gut/schlecht.
Manche Fragen, z.B. zur Sauberkeitserziehung, konnte ich wiederum  nicht wirklich beantworten, da keine Antwortmöglichkeit dem tatsächlichen Stand von Clemens entsprach (Er trägt noch Windeln). 
Während des Ausfüllens hatte ich ganz oft dieses bedrückende Gefühl. Wird Clemens nun mehr an dem Bogen gemessen, oder an seiner Persönlichkeit?! Ich tat mir recht schwer, legte den Bogen oftmals an die Seite, nur um ihn zwei Sekunden später wieder ran zuziehen. Schlussendlich biss ich mich aber daran fest, da ich ja wollte, dass das ganze Unterfangen auch einen Nutzen hat und ich auch einfach ein wenig vertrauen musste und zwar Frau J. Ich musste mich einfach daran halten, dass sie ihn nicht nur stur in eine Schublade steckt, sondern den Bogen nur als eine Beurteilungshilfe sieht und ihm einen ganz individuellen Stempel gibt.
Während des Ausfüllens stachen mir immer wieder Fragen in die Augen, deren Antworten so eindeutig "Autist" schrien. Ich redete mir ein, dass dies noch nichts zu bedeuten hat. Dass es zumindest nicht zwangsläufig "Autismusspektrum" heißt.
Alles in allem waren meine Antworten recht durchwachsen. Aber das überraschte mich nicht.
Nachdem ich den Bogen ausgefüllt hatte, war ich erst einmal müde und abgeschafft. Dieser extreme emotionale Druck...

Den DISYPS habe ich später am selben Tag ausgefüllt. Der Bogen war nicht ganz so umfangreich, wie der erste, aber war trotz allem doch spezifischer. Die Antwortmöglichkeiten waren in ihrem Zeitraum nun noch engmaschiger. Es ging nicht mehr um Wochen, sondern um Tage: mehrmals am Tag/nie.
Während des Lesens der Einführung brüllte wieder das Wort "Autismusspektrum" in meinem Kopf rum, extrem laut.
Grundsätzlich waren die Abschnitte die selben, wie bei dem ersten Bogen. Die Formulierungen der Fragen/Aussagen war etwas anders gehalten, tiefgehender bzw. radikaler, weswegen manche Antworten noch einmal extremer ausfielen, als bei dem ersten Bogen.
In keinem Bereich fiel die Antwort auch nur ein Mal wirklich positiv aus. Es war klar, dass er nicht der "Norm" entsprach, dass er zwanghaftes Verhalten zeigte, dass er nicht wirklich sozial veranlagt ist. Es tat weh zu sehen, was ich ja eigentlich wusste. Aber es so schwarz auf weiß zu sehen, war nochmal heftiger, als das Sehen und Wegschieben der letzten Monate.
Nach dem Ausfüllen dieses Bogens hatte ich einen Moment der absoluten Klarheit: Ja, mein Kind ist Autist.
Aber so schnell diese Klarheit da war, flog sie auch wieder davon. Oder besser, ich schob sie weg. Noch war nichts verloren, schließlich hatte ich das letzte Mal einen Diagnosebogen in der Hand, als ich mich noch im Grundstudium befand. Ich versteckte mich hinter meinem vermeintlichen Laientum.

Die Bögen der Erzieherinnen waren die selben, wie meine. Ein, zwei Fragen waren anders oder fanden dort noch zusätzlich Platz.
Die Antworten fielen, bis auf die Aggressivität, genauso aus, wie meine.
Bei der Durchsicht hatte ich wieder diese Klarheit.
Die Erzieherinnen waren wirklich sehr bemüht und nutzten die Spalten für eine eigene Einschätzung sehr intensiv.
Der Tenor blieb aber trotz allem der selbe.

So, bis hierhin. Ich merke, ich habe schon wieder so vieles vergessen. Und wieder der Vorsatz, in Zukunft Notizen zu machen.

Bis bald
Eure Stina

Überraschung

Ihr Lieben,

wir hoffen, dass ihr die Feiertage besinnlich im Kreis eurer Lieben begehen konntet.
Wir hatten schöne Weihnachtstage und verbringen nun den Rest des Jahres in Ruhe, bevor es im neuen Jahr mit dem üblichen Alltagschaos los geht.

Wir haben in den kommenden Wochen einige Überraschungen für euch.
Zum einen werden ein paar Gastbeiträge ihren Weg auf diese Seite finden und zum anderen werden wir eine kleine Aktion mit dem Motto "familypride" starten. Dazu möchte ich aber noch nicht zu viel verraten :-)

Habt's fein :-)
Bis bald
Eure Stina